Auf der Kanonenkugel zur Rattenpolonaise – Eine phantastische Tour durch das Weserbergland

„Ich wollte mitsamt der Kugel in die Festung hineinfliegen!“ Die Augen meines Kindes werden größer und größer, während ich diesen Satz aus einem Abenteuer des sogenannten Baron von Münchhausen als Gute-Nacht-Geschichte zum Besten gebe. Gleichzeitig reift in mir der Gedanke, den Rest der faszinierenden Lügenerzählungen mit der Familie direkt im Heimatort des Barons nachzuerleben und weiter auf den Grund zu gehen. Ein spontanes Wochenende, bei dem der Bulli zur Kanonenkugel wird, um uns tief ins Weserbergland zu tragen, in dem nicht nur der fantasiereiche Adlige, sondern auch ein berühmter Flötenspieler einst für Furore sorgte.

Hoch, runter, links, rechts – Die Rühler Schweiz ist eine Naturachterbahn

So rollen wir also an einem regnerischen Freitag los, um diese kuriosen Welten zu entdecken. Nach einer auf den letzten Kilometern regelrechten Berg- und Talfahrt durch die bewaldeten Höhenzüge der Rühler Schweiz schlängelt sich unser Bus dann entspannt entlang des malerischen Weserstroms zur gleichnamigen Ausgangsbasis „Camping Rühler Schweiz“.

Wiesnstimmung auf dem Platz „Camping Rühler Schweiz“

Ein Campingplatz direkt am Wasser und Weser-Radweg gelegen, der mit einem neuen Außenpool, gemütlicher Gastronomie, Bootsanleger, Weitblick auf das Naturschutzgebiet Mühlenberg bei Pegestorf, aber vor allem mit viel Ruhe aufwarten kann. Ein Familienresort mit genügend Abstand zum Touristentrubel in der Heimatstadt des „Lügenbarons“, deren Erkundung wir am nächsten Tag kaum erwarten können. Bei

Geschichten um kreativ zu werden

endlich auflockernder Bewölkung heißt es für den Augenblick jedoch, dem Kind den naheliegenden Spielplatz zu überlassen, das Grillgut zu genießen, den Menschen in den vorbeifahrenden Booten zuzuwinken und die Landungen der zahlreichen Wasservögel zu bewerten. Passend dazu wird zur Abendstunde wieder Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen das Wort überlassen: „Da begannen die Enten plötzlich mit den Flügeln zu schlagen und stiegen in die Luft! Mit mir!“ Uns trägt diese Anekdote erheitert ins Traumland mit der Lust auf weitere wunderbare Reisen zusammen mit dem Freiherrn.

Schöner Radeln durch das Weserbergland

Nach dem Erwachen und einem entspannten Frühstück an der sanft dahinfließenden Weser steigen wir voller Tatendrang auf die Fahrräder in Richtung der historischen Altstadt von Bodenwerder. Die rund vier Kilometer lange Strecke flussabwärts führt durch wogende Wiesen und Getreidefelder entlang des wallartigen Hopfenberges, über die breite Weserbrücke, direkt ins sagenhafte Herz der Ortschaft – zum Münchhausenplatz. Hier findet sich das ab 1603 erbaute Münchhausen-Geburtshaus. Das Haus, mittlerweile das Rathaus von Bodenwerder, ist eine der Erinnerungsstätten an den großen Sohn der Münchhausenstadt, der darin am 11. Mai 1720 geboren wurde, seine Kindheit verbrachte und nach seiner Rückkehr vom Militärdienst als Soldat sowie Rittmeister 1750 schließlich am 22. Februar 1797 auch verstarb. Das Denkmal davor erregt bei unserer Tochter Ida schon mehr Aufmerksamkeit. Als sie das trinkende halbe Pferd mit dem Reiter erblickt, ertönt es gleich: „Schaut mal, der Litauer, der vom Burggitter geteilt wurde! Aber wo ist denn der Rest?“ „Kommt noch!“, antworte ich und führe die Familie zunächst zur

Pflichtbesuch in Bodenwerder – Das Münchhausen Museum

1763 im Auftrag des Freiherrn erbauten „Grotte“. Das einstige zum Gutshof gehörende Gartenhaus, dessen untere Etage direkt in den Felshang eingelassen wurde, wird oft als Lügenpavillon bezeichnet, da der Besitzer hier gern im Kreise der Jagdgesellschaft viele seiner Geschichten zum Besten gegeben haben soll. Zu gruselig findet unser Kind und möchte lieber ins Museum, dessen Gebäude damals ebenfalls Teil des Gutes war und als Lagerhaus genutzt wurde. Selbst die naheliegende Rodelbahn interessiert nicht, da die in der

Der Hase, der rennen konnte wie sonst keiner

Sammlung ausgestellten Objekte wahrscheinlich einfach zu verlockend sind. Genauso ist es, von einer Museumsmitarbeiterin an die Hand genommen bekommen wir einen ausführlichen Einblick in das Leben des „Barons“, der über die Veröffentlichung seiner Anekdoten nicht wirklich erfreut war und dadurch sogar zum Gespött vieler Leute wurde. Am längsten wird vor

Augen auf! Münchhausen lauert überall!

dem ausgestopften Hasen mit den zusätzlichen Läufen auf dem Rücken verweilt, aber auch das Hirschgeweih inklusive Kirschbaum ruft die passende Story dazu sofort in uns ab. Dieses Haus mit all seinen mal mehr oder weniger kuriosen Dingen kann man nur als ein Fan des Geschichtenerzählers wieder verlassen; nur schade, dass dieser seinen späten, weltweiten, durch zahlreiche Bücher und Verfilmungen geschaffenen Ruhm nicht mehr als

Bronzegewordene Lügengeschichten auf dem Marktplatz

Wiedergutmachung annehmen kann. Auf der anschließenden Entdeckertour durch die Stadt sehen wir an Denkmälern, Geschäftsschildern, Hausfassaden und Tortendeko wie Münchhausen sein Pferd aus dem Sumpf zieht, an den Enten in die Luft gezogen wird, in diversen Choreographien auf der Kanonenkugel reitet und finden endlich an der wunderschönen Weserpromenade auch seinen Reitknecht, der das Hinterteil des Litauers wieder der anderen Hälfte entgegenträgt.

Fotospot mit Bus

Zeit für eine Pause, in der das Kind ein Malbuch aus dem Museum hervorkramt, auf dem Hieronymus unter der Überschrift „Die sagenhaften Begegnung“ neben einem weiteren Protagonisten aus dem Weserbergland abgebildet ist – dem Rattenfänger von Hameln. Ein guter Zeitpunkt meinerseits anzukündigen, dass wir uns heute Abend im Bulli dieser ebenfalls faszinierenden, zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehörenden Geschichte

Das Malbuch deutet auf den nächsten Halt

zunächst literarisch nähern und sie morgen nach dem Aufstehen direkt in der historischen Wirkungsstätte erleben wollen. Leicht wehmütig verlassen wir mit unserem kleinen Gespann am nächsten Tag das schöne und sehr unterhaltsame Bodenwerder, finden aber in Hameln eine mehr als grandiose Fortsetzung unserer Tour. Wenig verwunderlich, denn die Rattenfängerstadt erlebte im Gegensatz zur Münchhausen-Metropole als Mitglied der Hanse einen wirtschaftlichen Aufschwung,

Wir folgen dem Flötenspieler

der ihr mit den einhergehenden prächtigen Sandstein- und Fachwerkbauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert den Namen „Juwel der Weserrenaissance“ einbrachte. Geld war es auch, das vor dieser Zeit eine Rolle spielte, als eine Rattenplage über den Ort hereinbrach, ein von den Stadtobersten engagierter Flötenspieler diese in die Weser führte und anschließend, weil er dafür nicht wie versprochen entlohnt wurde, 130 Kinder Hamelns mit sich nahm. Auch wenn das mit den Ratten so nie passiert sein dürfte und die

Das Rattenfängerhaus

Kinder wahrscheinlich junge Menschen waren, die für eine Neubesiedlung des Ostens angeworben wurden, so ist diese Sage, die durch die Gebrüder Grimm 1816 veröffentlicht wurde, hier allgegenwärtig. Angefangen mit der Balkeninschrift am prunkvollen Rattenfängerhaus in der mit einem Musikverbot versehenen Bungelosenstraße, die beweisen soll, dass die Kinder hier zuletzt gesehen wurden, bis hin zu den Rattensteinen die überall im Gehwegpflaster der Altstadt eingelassen sind.

Rattensteine – das perfekte Suchspiel für Kinder. Als Belohnung einen eigenen aus dem Museum.

Mehr erfahren wir wieder im Museum ein paar Meter weiter. Hier wird uns bewusst, was für einen Einfluss diese Geschichte auf Kulturschaffende weltweit hatte und noch immer hat. Highlight ist das begehbare, mechanische Theater. Bewegend wird darin die altbekannte Sage des Rattenfängers von Hameln mit modern interpretierten Figuren, Musik, Tönen, Farben und Lichteffekten neu erzählt. Wieder zu gruselig für die Kleinste, also weiter zur nahegelegen St. Nicolai Marktkirche, neben der gerade das beliebte Freilichtspiel stattfindet, an dessen Ende der bunte Pfeiffer mit einer Menschenmenge polonaisenartig

Buntes Zeugnis der Sage im Gotteshaus

durch die Stadt marschiert. In dem Gotteshaus gebe ich meiner Tochter die Aufgabe, das berühmte und sehr farbenfrohe Rattenfängerfenster zu finden. Nachdem ich das Kunstwerk nach einiger Zeit weit oben erblickt habe, bricht die kleine Entdeckerin die Suche ab und macht sich auf den Weg zum Aufgang des Turms der Kirche, den sie unbedingt besteigen möchte. Während die beiden Damen den Blick von dort oben genießen, lausche ich dem Glocken- und Figurenspiel am Hochzeitshaus nebenan, das von zahlreichen Touristen verfolgt und per Kamera festgehalten wird.

Das mechanische Puppentheater im Museum – ein Muss für jeden Touristen

Eine derartige Taktung an Ereignissen haben wir so noch nicht erleben dürfen, ist aber auch dem mittäglichen Zeitpunkt an einem Sonntag geschuldet. Letztes Ziel soll die Rattenbrücke sein. Auf diesem Fußgängerüberweg, eine Verbindung zur Weserinsel „Werder“ mit Biergarten und Kinderspielplatz, thront eine große, goldene Ratte, die uns nach einem letzten Blick auf den Weserstrom zuzuwinken scheint. Zurück im Bulli und auf dem Asphalt, der nach Hause führt, macht sich nachdenkliche Stille breit. Vielleicht sind es die vielen eindrucksvollen Geschichten, die noch

Ein letzer Blick auf die Weser während die goldene Ratte über uns thront

verarbeitet werden müssen, und der Gedanke daran, dass hier real existierende Hauptfiguren ihre Spuren hinterlassen haben. Ich für meinen Teil fühle mich zudem ein wenig stolz, den mir als Erziehungsberechtigten zugewiesenen Lehrauftrag wieder ein Stück erfüllt zu haben. Ein leichtes, denn Münchhausen wie auch der Rattenfänger haben mich als Kind ebenfalls regelrecht in den Bann gezogen und der eigenen Fantasie kräftig auf die Sprünge geholfen. Und machen wir uns nichts vor, ein Dackel war doch schon immer ein Windhund, der sich die Beine abgelaufen hat, oder? Unverkennbar also eine Tour, die sich für uns als Familie in vielerlei Hinsicht gelohnt hat. Ungelogen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert