Home » Auf der Straße » Am Fluss der Erinnerungen – Eine Nacht an der Oder

„Komm lass machen!“. Diese „neudeutsche“ Bestätgung meiner Idee durch den eigenen Teenie-Spross ist das Startsignal für einen Trip an die Oder. Der 56 km lange Harzer-Zufluss der Rhume ist somit Spontan-Ziel für eine Selbstversorger-Übernachtung zu Dritt.

Obwohl nur für eine Nacht, laufe ich herum wie ein aufgescheuchtes Huhn uns sammle alle Untensilien für unseren kleinen Abenteuer-Ausflug zusammen. Schwimmschuhe, Mückenschutz, Angelrute, Köder und Ketchup sind wohl das Wichtigste für dieses Vorhaben. Wir wollen unser Abendessen ganz frisch und vor allem selbst fangen. Die Zeit drückt denn der Angelsee an dem wir frische Forellen für den Grill angeln wollen, schliesst um 18:00 Uhr. Mit der Gewissheit irgendetwas vergessen zu haben machen wir uns auf die Straße in Richtung Pöhlde. Das 1.987 Einwohner Dorf im südwestlichen Harzvorland ist mir aus Kindheitstagen bestens bekannt. Mein Vater war einst Besitzer der zur Gemeinde gehörenden Aue-Mühle und des von uns angesteuerten Angelsees. Hier half ich beim Bau der Wirtschaftshütte, bin mit der Luftmatratze alles abgeschwommen und war mit Taucherbrille von Aug zu Aug mit den Forellen. Seine Idee, hier ein Angelparadies für Ungeduldige und Anfänger zu schaffen hat bis jetzt Bestand und soll heute Lehrpfad für meine Kinder sein. Für den Erstkontakt mit diesem Sport der perfekte Ort. Ich mache den Anfang und zeige den Kindern was ich vor Jahrzehnten mit dem Erwerb des Angelscheins erlernt habe. Nach einigen Minuten habe ich den ersten Fisch am Haken. Kilian hilft mir leicht hektisch aber konzentriert mit dem Kescher. Ganz nach waidmännischer Art und streng nach Tierschutz-Verordnung folgt der Schlag auf den Kopf sowie der fachmännische Stich ins Herz. Diese notwendige Prozedur lässt die Kinder nicht gerade jubeln, aber erschrocken darüber sind sie auch nicht wirklich. „Das gehört eben dazu, und die Jagd begleitet die Menschen schon seit Millionen von Jahren“, lehre ich den Nachwuchs und überreiche zugleich die Rute an meinen Sohn. Ich bin gespannt, ob diese naturnähe den Gamer-PC für einen Moment toppen kann. Bingo! Nach ein paar Wurfversuchen, hat er den Bogen schnell raus und befördert den Mehlwurm Richtung Seemitte. Zack! der Schwimmer sinkt! „Papa, da ist einer dran!“, juchzt der Minecraft-Jünger. Viktoria hat die Kescheraufgabe übernommen. Nach einigem Hin und Her ist auch der Zweite Fisch gefangen. Viktoria tut es ihm gleich und wirft ziemlich schnell mit guter Technik den Haken in den Fischgrund. Ein wenig länger und mit etlichen Köderverlusten klappt es dann auch bei Ihr. Unter starkem Herzklopfen zieht auch meine Tochter ihren Teil des Abendessens an Land. Während wir den Fang begutachten klingelt auch schon die Feierabend-Glocke. Was für ein Timing! Mit unseren Prachtexemplaren in der Tüte machen wir uns auf zum Campingplatz „Oderbrücke“. „Hier wollten wir schon immer mal einchecken, oder Papa?“ , tönt es aus dem Fahrgastraum des Bullis. „Jupp, und das direkt an der Oder! Kann ja nur gut werden!“, erwidere ich. Der Platz gehört zur Gemeinde Hattorf am Harz liegt aber aus der Luft gesehen wohl ziemlich genau zwischen Hattorf und Pöhlde – zwar direkt an der B27, aber dennoch inmitten der wunderschönen Natur des Harzervorlands. Beim Einchecken fällt uns der holländische Akzent des Rezeptionisten auf. Auch auf dem Platz sehen wir fast ausschließlich gelbe Nummernschilder mit NL-Kürzel. Wir parken direkt am Eingang mit viel Platz links und rechts von Bruno. Ohne Vorzelt ist unser Refugium schnell eingerichtet. Markise, Stühle, Tisch und Grill sind flugs aufgebaut. Nun heisst es Fische ausnehmen. Papa-Sache, beschliessen die Kinder, betrachten die Anatomie aber dennoch sehr interessiert. Bio-Unterricht mal direkt am Exemplar. Gesalzen und gepfeffert finden die Forellen ihren Platz über der Glut. Der leckere Duft des garenden, zarten Fleischs lässt unsere Mägen immer lauter knurren. Dann als es endlich ans Geniessen geht stoppen die Erzählungen und nur Wörter wie „Hmmmm“, „Geil“, „Wahnsinn“ und „Echt lecker“ tönen über den Tisch. Während die Sonne immer tiefer sinkt sind wir im Einklang mit der Natur und vergessen alle Drei für einen kurzen Moment die digitale Welt. Ursprünglich ist wohl das passende Wort für die Aktion.

Ich hätte es wissen müssen. Die Kinder hat der Angelvirus erwischt. Wir kaufen uns eine Angelkarte für die Oder uns versuchen und im  Sonnenuntergang mit Blinker in dem kalten Gewässer. Anders als am See, heisst es hier warten und mit Erfolglosigkeit leben. Das hatte ich auch schon vor ziemllich genau 35 Jahren erleben dürfen. Dennoch ein tolles Erlebnis und ein Einblick tief in die Schönheit der Natur. Mit blauen Beinen treten wir die Flucht in den Bulli an. Eng aneinandergekuschelt und langsam wieder auf Normaltemperatur lassen wir den Tag noch einmal revuepassieren. Ich habe schon lange nicht mehr in solch zufriedene Kinderaugen blicken dürfen. „Alles richtig gemacht !“ sind die letzten Worte zur Nachtruhe.

Der Alltag holt uns am nächsten Morgen in Form eines nicht deaktivierten Handy-Wecker-Klingeltons ein. „Verdammt, einfach in der Entspanntheit des Tages vergessen !“, denke ich und versuche die Kinder wieder in den Schlaf zu geleiten. Geglückt, und für mich die Gelegenheit abzuwaschen und auf dem Platz umzuschauen. Aufgeräumt, sauber, mit riesigem Spielplatz und Blockhütten versehen wirklich eine tolle Bleibe. Die Betreiber Freddy und Danielle sind bereits im fünften Jahr hier am Werke und haben sich nach eigenen Worten „spontanverliebt“ in dieses Plätzchen Erde. Ihre Heimatstädte Groningen und Roterdamm müssen nun ohne Familie Luttje auskommen. Uns freut`s! Nachdem die Kinder aus der Bulli-Koje gekrochen sind vetreiben wir uns die Zeit mit Federball, Trampolin springen und Kettcarfahren. Nach einer leckeren Currywurst auf der neu gestalteten Terasse des Gasthauses treten wir leider schon wieder den Heimweg an, da andere Termine rufen. „Papa, genau das müssen wir wiederholen!“ ist Kinder-Konsens. Ich stimme nickend und breit lächelnd zu. Analog versus Digital – 1:0 !

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