Drei Tage mit dem Strom – Im Bulli entlang der Weser (Teil 1)

„Papa, ich glaube ich könnte hier für immer bleiben!“, flüstert mir mein Sohn in die Ohren, untermalt vom Rauschen der eintreffenden Flut. Während die Füsse im feinen Sand versinken und die Sonnensrahlen sich in den feinen Tröpfchen der behaarten Hundeschnauze unseres Dackels spiegeln, schweifen die Blicke sehnsüchtig in die Ferne, die hier oben ihren Ursprung zu haben scheint . Egal wieviel Weser-Wasser sich in Cuxhaven noch in der salzigen Nordsee-Gischt befindet, die Tour vom Anfang bis zum weitläufigen Ende dieses sagenhaften Stroms hält unsere Gedanken noch fest im Griff.
Obwohl diese Szenerie dem ein oder anderen Leser so oder so ähnlich auch schon mal passiert sein dürfte, ist die Geschichte dahinter eine nicht ganz so alltägliche und will dann doch komplett erzählt sein.

Die Idee

Der 1988er Multivan - ein treuer Begleiter

Der 1988er Multivan – ein treuer Begleiter

Am Anfang war der Bus – ein Exemplar auf das wir als Familie langen warten mussten und im September des Jahres 2014 dann auch endlich unser Eigen nennen durften. Der in dritter Generation im Jahre 1988 gefertigte, capriblaue Multivan mochte aber nicht nur liebevoll angeschaut sondern auch bewegt werden. So erhöhte sich der Radius der sonntäglichen, regionalen Erkundungstouren ständig und es ergaben sich immer öfter Berührungspunkte mit Werra, Fulda und Weser.
Vor diesem Hintergrund und dem Wunsch nach einer sinnvollen Tour entstand nach einem Besuch in Hannoversch-Münden die Idee die Weser vom Ursprung bis zu ihrem Ende entlang zu fahren und zwar so dicht wie das Straßensystem es zulässt. Dieser Reiz mit dem Fluß soweit es geht Blickkontakt zu halten und der immer über einem schwebenden Kosten-Nutzen-Analyse des Bullis gaben der Weser-Tour die nötige Berechtigung. Zudem birgt der Beruf des Büroangestellten mit beschränktem Fernblick enormes Ausbruchspotential.
Die Frage nach dem Zeitslot erledigte sich aufgrund der bereits verplanten Haupt-Urlaubstage auch recht zügig. Das lange Pfingstwochenende bot durch den angehängten zusätzlichen Ferientag den nötigen Freiraum für die Reise. Die Plaung auf dem Reißbrett nahm deutlich mehr Abende in Anspruch als gewollt. Das Arbeiten mit digitalen Karten und deren Übetragung auf das Navi liessen mich ganze fünf Nächte durch Foren und Bedienungsanleitungen wandeln. Das Murren meiner Frau über diesen zeitlichen Planungsaufwand störte mich wenig, als ich die Streckenführung dann endlich auf meinem Smartphone bewundern durfte, sollte jedoch zu einem späteren Zeitpunkt noch seine Berechtigung finden.
Da unsere Familie nicht vollständig schlafend in den Bus passen würde, fiel das spontane Übernachten an einer Stelle schon mal aus. So mussten die von mir täglich eingeplanten 150 Fahrkilometer mit einer passenden und legalen Übernachtungs-Endstation gekrönt werden. Um nicht noch mehr Zeit durch die Recherche in üblichen Bewertungsportalen zu verlieren, fiel die Wahl auf eben den Campingplatz, der sich am Ende der jeweiligen Etappe befand. „Kann ja auch ganz spannend sein!“, dachte ich bei mir uns sollte nicht enttäuscht werden.
Die Wetterprognose für unseren auserwählten Zeitraum sah auch ganz vielversprechend aus und so fieberten wir dem Tag der Abfahrt täglich entgegen.

Das Equipment

Ich packe meinen Bulli...

Ich packe meinen Bulli…

Obwohl die Emanzipation in unserer Ehe großgeschrieben wird, war die Aufteilung der Zusammenstellung des Bordgepäcks eher altmodisch aufgeteilt. Während meine Frau für die Textilien, Medikamente und Körperpflege-Utensilien zuständig war, oblag es mir die Camping-Hardware zu komplettieren. Für unsere frisch instandgesetzte Reimo Küche, die eine Spüle und einen Gasherd beinhaltet wurde noch passendes Besteck und Plastikgeschirr gekauft. Die im Multivan von 1988 integrierte Kühlbox und das Fach unter dem

Tetris mit der Camper-Hardware

Tetris mit der Camper-Hardware und Dackel

Back-to-back-Sitz bietet viel Stauraum für die Erstverpflegung. Den Ingenieuren dieses Kultgefährts zolle ich tiefen Respekt, wenn man in der Praxis merkt wieviel Raum allein unter den Sitzbänken zur Verfügung steht. Unter dem Motto „Gut gepackt ist entspannter aufgebaut“ fanden nach und nach Schlafsäcke, zwei Liegen (eine davon aus dem Fundus eines Bekannten und Afghanistan erprobt), Isomatten, Hundebox, Grill, Campingstühle, Tisch und das Fritz Berger Busvorzelt ihren Weg in den Kofferaum des Bullis. Wenn man sich in einem Moment den Satz „Das ist ja gar nicht soviel!“ sagen hört, schießen im Nächsten die Worte „Uihh, das wird ja doch ganz schön knapp!“ unweigerlich nach. Wieder eines dieses unabwendbaren Gesetze eines Autoreisenden, mit dem man aber im Laufe der Jahre umzugehen weiss. Die Heckklappe schnappt dennoch einwandfrei  zu und das Vehikel scheint mit scharrenden Pneus bereit zu stehen, um sein erstes großes Abenteuer mit den Niedersachsen im Inneren zu bestreiten.

Route Eins

Startpunkt der Tour: Der Weserstein in Hann.-Münden

Andächtiger Startpunkt der Tour: Der Weserstein in Hann.-Münden

Der Ursprung der Weser ist natürlich auch unser Startpunkt. Am Weserstein in Hannoversch-Müden, einem touristischen Anziehungspunkt, finden wir uns ein um den Zusammenfluss von Fulda und Werra zu bewundern und schon einmal der Strömung mit dem Auge zu folgen, der wir gleich auf vier Rädern nachfahren werden. Den Spruch

“ Wo Werra sich und Fulda küssen Sie ihre Namen büssen müssen, Und hier entsteht durch diesen Kuss Deutsch bis zum Meer der Weser Fluss.“

im Kopf und das obligatorische Startfoto im Kasten geht es auf den Asphalt durch das wunderschöne Wesertal. Vor uns eröffnen sich wogende Meere aus rotem Gras, direkte Blicke auf den Strom und seine künstlich angelegten Buhnen, sowie die auf beiden Seiten teilweise schroff aufsteigende Sandstein-Bergkämme – eine Landschaft die wirklich sehenswert ist. Die Jahreszeit scheint perfekt gewählt und die Laune steigt je faszinierender die Natur sich vor uns ausbreitet. Der kurze Blick auf das Kloster Bursfelde ist der Auftakt für  ein paar weitere kulturelle Stops im Programm der ersten Route.

Steinkreuz auf dem Karlstein bei Herstelle

Steinkreuz auf dem Karlstein bei Herstelle

Da wäre zunächst das älteste Steinkreuz Westfalens (ca. 800 n. Chr.), welches wie wir feststellen mussten nicht so einfach zu finden ist. Auch die befragten Einheimischen, die sich, wie wir im Nachhineien festellen sollten, nur ca. 200 Meter Luftlinie davon entfernt befanden, wussten nicht wo dieses Überbleibsel aus der Kaiserzeit seinen Standort haben könnte. Nach ein paar Extrarunden über die Erhebungen des Karlstein fanden wir das steinere Zeugnis und waren von seiner Grösse und der verwachsenen Aussicht- nun ja – ein wenig enttäuscht.

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Grössenvergleich: Der Mammutbaum Ohrberg-Park und Viktoria

Egal, damals war ja eh alles kleiner und die Geschichte dahinter ist schon Grund genug das sog. Bonifatiuskreuz aufzusuchen. So soll auf dem Karlstein, der als Opferstein und Rest einer heidnischen Kultstätte gilt, nach der Überwindung des Heidentums zur Erinnerung an den ersten Glaubensboten der Kreuzstein errichtet worden sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde das Kreuz von fränkischen Steinmetzen im Gefolge des Kaisers „Karl der Große“ nach dem Muster ähnlicher Denkmäler in Karls Heimat hergestellt.
Ein Highlight dieser Strecke sind auch die mächtigen Alleen, die von überhohen- und breiten Bäumen eingefasst sind und dem Fahrer das Gefühl geben den Warp-Antrieb aktiviert zu haben. Der Ohrbergpark ist schneller gefunden und führt uns in eine 45 Hektar grosse Welt aus Farben, Düften und mächtigem Baumwerk. Azaleen- und Rhododendrensträucher, sowei allerlei exotisches Gehölz machen den Besuch zu einem Erlebnis. Der Park wurde im jahre 1818 von Georg Adolph von Hake (Hofjunker von König Georg III. von Hannover) in Auftrag gegeben und ist nach dem Vorbild der in dieser Zeit aktuellen englischen Landschaftsparks entstanden. Das Highlight für uns war wohl der stämmige Mammutbaum, der wenn man vor ihm steht oder in ihm hochschaut seine ganze Grösse zur Geltung bringt. Ein beeindruckendes Exemplar der grössten und ältesten Lebewesen der Welt.

Felsenhänge an der Weserstrasse

Felsenhänge an der Weserstrasse

Die sich über einige Kilometer ziehenden Felsenhänge am Rande der weiterführenden Strasse fühlen sich optisch gut an und vermitteln den Eindruck man sei irgendwo in den Vereinigten Staaten unterwegs. On the Road again…
Festzuhalten an dieser Stelle bleibt, dass ein langes Wochenende, gutes Wetter und ausgebaute Landstrassen oft zum Raser-Tummelplatz werden. Ein  todesmutiges Exemplar hätte unserer Reise fast ein jähes Ende gestezt, als es in seinem weissen BMW Cabrio in der Kurve schlingernd und mit hoher Geschwindigkeit uns entgegenkam. Gar nicht auszudenken wie schwer wir verletzt worden wären, wenn der kanppe Meter Luft nicht mehr zwischen den Autos gelegen hätte. Sichtlich geschockt und kopfschüttelnd geht die Fahrt weiter durch dichte Waldstücke und entlang regelrechter Küstenstrassen Richtung Etappenziel.

Fast fertig: Das erste Nachtlager in der Nähe von Vlotho

Fast fertig: Das erste Nachtlager in der Nähe von Vlotho

Während ich und meine Frau Kilometer um Kilometer geniessen, fangen die Kinder langsam an sich gegenseitig Schmerzen zuzufügen. Ein untrügliches Zeichen dafür, daß Kinder auf Dauer nicht so viel natürliche Schönheit ausserhalb der Automobilscheibe aufnehmen können wie Erwachsene. Zum Glück ist das Etappenziel Vlotho nicht mehr allzuweit entfernt. Doch die Freude währt nur kurz als unsere Routenplanung aufgrund einer nicht mehr existenten Brücke kurzerhand modifiziert werden muss. Trotz Umweg, der uns gut eine halbe Stunde kostet, überqueren wir die Weser für diesen Tag ein letztes Mal und kommen gegen 19:30 Uhr auf dem Campingplatz Borlefzen an. Inmitten einer kleinen Seenlandschaft gelegen fahren wir an feiernden Menschen und Wohnwagensiedlungen zu Platz D23, der ziemlich einsam am Ufer eines Sees gelegen schon recht einladend wirkt. Nun heisst es das Vorzelt zum ersten Mal in seiner vollen Pracht zu entfalten. Neben den üblichen Einfädelungsproblemen der Fiberglasstangen ist das zweite Zimmer recht schnell aufgebaut. Kaum haben wir es uns auf dem Vlothoer Freizeitbetrieb heimelich gemacht, werden wir schon von allen seiten begrüsst. Alte Camperegel: „Sei immer

Warm eingepackt in die Nacht

Warm eingepackt in die Nacht

freundlich zu Deinen Nachbarn!“, man weiss nie wofür man diese nochmal braucht. So findet sich auch gleich eine Spielkameradin für Viktoria, die uns kichernd beim Restaufbau beobachtet, nachdem mir Schorse von nebenan die Wasser- und Stromversorgung erklärt hat. Leichten Erschöpfungserscheinungen wird durch gegrilltes Gut und Erfrischungsgetränken nach Wahl sofort entgegengewirkt. Schade, dass wir noch keinen Fahrradträger am Bulli unser eigen nennen können. Ein Fahrrad täte bei den Entfernungen zu den sanitären Anlagen hier wirklich gut. Ein paar letzte Gespräche in unserem Lager und der Abschlussgedanke die erste Etappe geschafft zu haben, lassen uns endlich unter einem Konzert von quakenden Fröschen, trällernden Nachtigallen und Fussballdiskussionen aus dem Nachbarzelt friedlich einschlafen.

Urig: Der Shop auf dem Campingplatz Borlefzen

Urig: Der Shop auf dem Campingplatz Borlefzen

Der eigene Shop im Zentrum der Anlage wirkt ein wenig vernachlässigt und die Brötchen am nächsten Tag schmecken ein wenig fad, doch der Gedanke an ein gemeinsames Frühstück im Freien überwiegt.  Bevor wir jedoch zum Standplatz zurückkehren treffen wir noch auf Walther aus Bad Oeynhausen, der jeden Morgen mit Kunstleder-Schlappen auf seinem Elektro-Roller die vorbestellte Bild-Zeitung im Shop abholt. „Er geniesse so seinen Ruhenstand!“ meint der Rentner und ehemailge Schichtarbeiter, der seit 12 Jahren ein Ferienhaus auf dem Borlefzner Campingplatz sein eigen nennt. Stolz deutet er  auf sein rotes Paddelboot, mit dessen Hilfe er schon so manchem kapitalen Wels im angrenzenden See gestellt hat. Das sind Geschichten, die es nur auf dem Campingplatz zu hören gibt. Kleine und mittelgrosse Schicksale einfacher Menschen, die ihr heil in einer Misch-Welt aus Schrebergartenkollonie und Partymeile suchen. Ich persönlich mag dieses selbtgeschaffene Oase von Alltasgflüchtlingen. Hier habe ich mich trotz des häufigen hygenischen mankos schon immer irgendwie wohl gefühlt.

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