Die kleine Freiheit an der Werra

Der kalte Winter, die trüben ersten Monate des Jahres, aber vor allem die dritte Welle hat mürbe gemacht. Man arbeitet stoisch im Home-Office seine Aufträge ab, sitz krumm mit rundem Bauch vor der digitalen Welt, lässt das abendliche Zahlengewitter in den Nachrichten über sich ergehen um danach

Packen und Einkaufen. Die Pflicht vor der Kür!

früh ins Bett zu gehen und noch früher aufzustehen. Pandemiebedingte Routine, die höchstens der Nachbar mit seiner Motorsense oder der Raucherhusten des Obermieters kurzweilig durchbrechen kann. Wenn, ja, wenn da nicht dieser eine Freund wäre, der die niedrigeren Inzidenzen zu nutzen weiß und dich so ziemlich spontan für ein paar Tage mit auf dem Campingplatz anmeldet. So geschehen am letzten Wochenende pünktlich zur Änderung der Corona-Verordnung.
Wir haben Freitag und ich habe mir extra Urlaub genommen, um unseren Bus startklar für das Adhoc-Wochenende zu machen. Das Kind muss zur Tagesmutter gebracht, dann getankt, eingekauft und das Equipment verstaut werden um im Anschluß alle gemeinsam

Da ist sie wieder: die Werra!

den Corona-Test über uns ergehen zu lassen, der mit negativem Ergebnis noch Bedingung auf dem Campingplatz Spiegelburg bei Hann. Münden ist. Unser Van quillt inklusive Anhänger aus allen Nähten. „Ob für drei Wochen oder zwei Tage, irgendwie macht das mit dem Gepäck keinen Unterschied!“, witzele ich mit dicken Schweißperlen auf der Stirn zu meiner Frau. Wir sind uns einig wissen aber auch keine Abhilfe für die Zukunft und begeben uns für jede Wettereventualität gerüstet auf die Reise. Eltern von kleinen Kindern verknüpfen ja ständig und immer alles mit einem Plan rund um die

Ein Mekka für Eisenbahnliebhaber.

Spößlinge. Unser war es um 13:00 Uhr auf die Bahn zu rollen und die traditionelle Mittagsmüdikeit von Ida zu nutzen, damit dann alle am Ziel gut gelaunt aus dem Bus steigen. Doch weit gefehlt, die Kleine ist auf der ersten Tour mit Bruno in diesem Jahr zu aufgeregt um schlafen zu können. Mir wäre es genauso gegangen, denn die Fahrt an der Werra entlang, der wir ja in der Vergangenheit einmal bis zu ihrer Quelle gefolgt waren, ist schon ein echter Genuß im Wonnemeonat Mai. Noch bevor Ida zum sechszehnten Mal fragen kann „Wann sind wir da?“, fahren wir schon auf dem idyllisch gelegen Platz direkt am Fluß ein.

Der Mai bringt auch viel Flauschiges hervor.

Wir werden bereits von Patty und Lisa, den Machern dieses Wochenendes erwartet. Als die beiden

Vans in Reihe stehen und die Betten gemacht sind ist Qualitätszeit angesagt. Nach all den Monaten des telefonierens nun endlich mal Face-to-Face am duftenden Grill mit kalten Getränken. In Blickrichtung verläuft eine zweigleisige Brücke über die Werra. Die Werrabrücke Laubach, die um 1950 erbaut wurde hat parallelgurtige Fachwerkträger mit obenliegenden Gleisen über drei Felder und kann in regelmäßigem Wechsel mit ICE’s, Güter- oder Regionalbahnen aufwarten. Ein Schauspiel, dass nicht nur Ida fasziniert und diesen Campingplatz bestimmt zu einem Tummelplatz für

Paradies für Mobilheime jeder Größe

Eisenbahnfans machen könnte. Die

Geräuschkulisse ist man von Zuhause aus gewohnt, lediglich das Froschkonzert nehmen wir als schön aber ungewohnt an diesem Freitag mit in den Schlaf.
Am Morgen gibt es erstmal genug damit zu tun den Morgentau von den Tischen und Stühlen zu wischen. Als sich zum Frühstück dann auch so langsam die Sonne wieder durch die Nebelschwaden kämpfen kann liegt er vor uns, der erste Tag in 2021 im historischen Mobilheim am Wasser. Ida und ich erkunden das Ufer, entdecken dabei Bernsteinschnecken, die am Schilf Position bezogen haben, emsige Ameisenvölker und die quakenden, nimmermüden Frösche. Über uns setzen Nilgänse zur Landung

Erholung von den Wellen der Pandemie gibt es am langsam dahinfliessenden Strom.

am kühlen Nass an. Auffällig schöne Tiere, die

ursprünglich aus Afrika kommen und durch den Menschen als Zier- und Parkvogel bereits vor 300 nach Europa gebracht wurden. Von den Niederlanden aus breiteten sie sich in den letzten Jahrzehnten rasant aus und scheinen sich gerade im Werratal sehr wohl zu fühlen. Die Europäische Union listet die Nilgans übrigens seit August 2017 als invasive Art. Weniger bedenklich für das Ökosystem dürfte die Schwanenfamile sein, die von Camper zu Camper schwimmt um sich mit Bortkrumen mästen zu lassen. Wir sehen ihnen lieber beim natürlichen und gesünderen schnabbulieren von Wasserplanzen zu und erfreuen uns an am flauschigen Nachwuchs. Ein Entenpärchen und seine Küken, sowie das

Runterkommen ist angesagt…

Ziegengehege am Gasthaus des Campingplatzes

vervollständigen die kleine Tiershow am Nachmittag. Nachdem die Sonne das Ufer wechselt und uns im Schatten zurücklässt, entzünden wir die Feuertonne für Atmosphäre und Gegenpol zu den vorhergesagten acht Grad Celsius am Abend. Die Blicke wandern vom Feuer zum langsam dahinfließenden Strom, den vorbeiziehenden Wassersportlern und dem am Horizont in goldenes

Dahinten! Kannst Du es sehen, unser nächstes gemeinsames Wochenende?

Licht getauchten Sandwald im hessischen Werra-Meißner-Kreis. Dieser Höhenzug ist nicht nur Standort des 650 Jahre alten Schloss Berlepsch sondern auch Quellgebiet vieler kleiner Zuflüsse von Werra und Leine.

Eine schöne Ecke ist das hier und wieder einmal quasi gleich um die Ecke. Es tut gut diese kleine wiedergewonnene Freiheit geniessen zu dürfen und sich einmal persönlich auszutauschen. Kurz bevor dieser Abend endet sind wir uns in einem einig: Es braucht mehr solcher Ausfahrten mit echten Freunden. Kraft tanken durch Ruhe, ausgewählte Gesprächspartner und Naturnähe. Wir sind gespannt was als nächstes kommt und können es eigentlich nicht wirklich abwarten, denn gewartet haben wir in letzter Zeit wahrlich genug! Machen ist angsagt! Demnächst mehr.

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