Durch zwei Naturparks in 5 Tagen – Mit dem Bulli vom Steinhuder Meer bis zum Brocken

Wir blicken hinab ins Tal und fühlen uns frei. Frei, wie man sich auf so einer Tour nur fühlen kann. Der Moment hat uns fest im Griff und weckt den Wunsch den Bulli noch ein paar weitere Tage über die Steigungen des Harzes zu quälen.
Doch das kleine Abenteuer beginnt schon vorher. Die Sommerferien 2015 stehen zunächst

Letzer Check vor der Ferientour

Action im Rastiland

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Manfred und ich vor seinem Cassandra T3

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Steinhude und seine Bootsanleger

unter keinem guten Stern. Neben familiären Problemen, engt die berufliche Auslastung uns planerisch ein wenig ein. Der Entschluss mit dem geliebten T3 in den Urlaub zu fahren ist nicht nur eine logische Schlussfolgerung sondern auch familiärer Wunsch. Das Rastiland, ein Freizeitpark in der Nähe von Salzhemmendorf steht schon lange auf unserer Liste der anzusteuernden Orte und stellt die perfekte erste Etappe für diese Ferientour da. Unsere Ausrüstung hält sich aufrgund der planerischen Freiheit und der geschrumpften Anzahl der teilnehmenden Abenteurer in Grenzen. Auf das wunderbare Vorzelt und die zusätzlichen Liegen haben wir verzichtet, da es sich noch zu dritt sehr gut auf der Schlafbank des VW-Busses aushalten lässt. Ein wenig haltbarer Proviant, ein paar Textilien  und aufgefüllte Wassertanks reichen für die Fahrt ins Ungewisse. Das Credo: Wir halten dort wo es uns gefällt. Die Fahrt nach Salzhemmendorf ist entspannt, das Wetter ist gut und der Bulli trägt uns wie gewohnt ruhigen Reifens in die Ferne. Mich erinnert die Szenerie ein wenig an die Griswolds, eine chaotische Filmfamilie, die auf dem Weg nach Wally World, dem amerikanischen Pendant zum Rastiland, so einige Herausforderungen berstreiten muss. Der Park ist aufgrund des perfekten Wetters und der samstäglichen Untriebigkeit der Schulkinder-Eltern gut gefüllt. Trotz Schlangestehens für die Zöglinge das erste richtige Ferienhighlight und für mich als Vater einfach nur schön in die lachenden Gesichter zu schauen. Gegen Achtzehn Uhr schliessen sich so langsam die Pforten des Abenteuerlands und wir beschliessen weiter in Richtung Steinhuder Meer zu fahren. Einem wunderschönen Fleckchen Erde inmitten von Niedersachsen, das uns schon vor einigen Jahren zugesagt hat und an welches wir uns noch bestens erinnern konnten. Der seenahe Campingplatz am Nordufer war seinerzeit Erlebnisstätte unserer Kinder. Hier wechselten ganze Bestände an Überraschungseiern im Kiosk den Besitzer. So etwas prägt und lockt auch an diesem Abend. Die Freude aber währt nur kurz: „Hunde verboten“ heisst es und wir werden auf einen Nachbarplatz verwiesen, auf dem die haarigen Freunde wohl willkommen sind. Auf dem Campingplatz Mardorf finden wir tatsächlich eine Bleibe und obwohl der Kiosk recht mager und ohne Überraschungseier ausgestattet ist sind wir von der Sauberkeit und der Atmosphäre sehr überrascht. Nachdem unser Nachtlager bezogen ist spreche ich Manfred von Gegenüber an. Manfred aus Bielefeld fährt schon seit Jahrzehnten einen T3 der Bauart „Cassandra“ – eine englische Version mit einem aussergewöhnlichem Faltdach, welches aber auf Manfreds Bulli gegen ein Hardtop ersetzt wurde. Immer wieder schön Menschen zu treffen, die ebenfalls ihr Leben mit einem solchen blechernen Gefährten teilen. Der Abend endet mit einem Spaziergang auf der neu gestalteten Promenade und dem Blick auf den im Mondschein liegenden See. Ein Bilderbuch-Abschluss für Tag Eins.

Der nächste Morgen beginnt mit Bifi, Brötchen und dem Beschluss direkt ins ehemalige Fischerdorf Steinhude zu fahren. Ehemalig meint auch ehemalig, denn an einem sonnigen Sonntag in Steinhude einzufahren gleicht schon einem Almabtrieb. Busse karren im Viertelstundentakt Fischbrötchen-Touristen in den aus allen Nähten platzenden Ort und nehmen uns ein wenig die freiheitssuchende Stimmung. Ständig bemüht das Beste daraus zu machen flüchten wir mit einem Elektroboot aufs „offene

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Steife Brise auf dem Binnenmeer

Meer“. Ohne jegliche nautische Erfahrung, schippern wir ein wenig unbeholfen durch die Hafeneinfahrt und versuchen uns zwischen vorbeizischenden Yachten und abtreibenden Tretbooten durchzuschieben. Eine echte Herausforderung für einen Bullinauten, aber irgendwie auch schön, denn zumindest den Kindern ist der Spass dieses Spießrutenlaufs deutlich anzusehen. Noch ein wenig im Restaurant gestärkt und über lange Wartezeiten aufgeregt, verlassen wir den Naturpark der Moorleichen und Fischerboote. Als der Bulli seine letzte Salve an Feinstaub in Steinhude hinterlässt ist uns nach Ruhe. „Wie wäre es mit einem Trip durch den Harz?“, klingen meine Worte in den Kinder-Ohren. Die Begeisterung hält sich in Grenzen, aber wenn keine Widerworte kommen, nimmt man das ganz väterlich als Zustimmung und bringt den Bus in die entsprechende Spur. Der

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Warten auf die heiß begehrten Raviolis

Jahrhundertsommer, wie ihn eine grosse Zeitung vor kurzem wieder betitelt hat, zeigt nochmal was er kann. Die Fensterlüftung im T3 bringt nicht die erhoffte Kühlung und so steuern wir kurzerhand Dransfeld an. Hier findet sich ein wirklich hervorragender 5-Sterne Campingplatz mit Erlebnisbad, dass uns endlich die ersehnte Abkühlung bringt. Die Entscheidung hier die Nacht zu verbringen ist schnell getroffen. So nah an der Heimat und doch einfach weg. Die Fertig-Raviolis werden kurz über unserem Bordherd erhitzt und schmecken so gut, dass wir uns schwören öfter mal zur Dose zu greifen. Ein wenig Fernsehen über das Handy, zwischendurch schwarzer Peter und kollektives Kuscheln beenden den viel zu schnell verstrichenen Tag.

Goldwaschen in Pullman-City

Der Harz wartet und die Idee nach Pullman-City, einer Westernstadt in Hasselfelde, zu fahren löst wahre Euphoriestürme aus. „Oh cool Papa, da können wir bestimmt Gold schürfen und Ponyreiten, oder?“, fragt meine Jüngste. Bejahend machen wir uns auf um dem Sonnenaufgang entgegen in den Harz zu reiten. Griswolds, Teil zwei. Als die ersten Steigungen Richtung Braunlage beginnen, tut mir der Bulli leid. Stöhnend treibt er sich das Gebirge hoch während seine Insassen den fabelhaften Ausblick auf Seen und Wälder geniessen. Der Weg führt uns auch durch einen Ort namens Rübeland. Im Durchfahren staunen wir über diese unwirkliche Erscheinung aus Felswände, Höhlen und traditionellen Gebäuden. Ein Ort wie aus einem Märchen und bestimmt beim nächsten Mal auch einen längeren Aufenthalt wert. Während die LKWs hinter uns hupend ungeduldig werden, nähern wir uns nach etlichen

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Ein gedecktes Dach über dem Kopf – Zwischenstop bei Blankenburg

Umleitungen und Aha-Landschafts-Erlebnissen Hasselfelde. Diesmal spielt das Wetter wenig mit. Es regnet echte Bindfäden und die Temperatur hat auch merklich an Attraktivität einbüßen müssen. Wir bleiben cool, so wie man das im Wilden Westen eben so war. Ein Gang durch die originalgetreu eingerichteten Stores der Pullman-City-Shopping-Meile wärmt ein wenig auf. Wir besuchen das Gefängnis der Sadt, sagen Hallo zu den ortansässigen Freizeitindianern und staunen über die Reit- und Lassokünste aller Westerndarsteller. Goldschürfen macht hungrig und ein Besuch im Saloon lockt. Für mich das Beste am Tag, da warm, urig eingerichtet und mit einer üppigen Speisekarte ausgestattet. Zum Schluss lassen noch ein wenig von der aufgeführten Geschichte Amerikas berieselt, stellen wir uns die Frage wo man denn bei diesem Wetter übernachten könnte. Die Entscheidung ist einstimmig: Heute brauchen wir eine feste, wärmende Unterkunft und so geht es Richtung Blankenburg in ein kleines Hotel am Straßenrand mit wunderschönem Blick in die Harzwälder. Nach einer Dusche und ein wenig Stärkung geniessen wir den restlichen Abend im weichen Bett und träumen bereits von Morgen.

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Die Almen im Blick – Hoch hinaus auf 640 Meter über Null

„Ein Camp mit Schwimmbad wäre mal wieder ein gute Idee!“, stelle ich fest. Der Wirt empfiehlt mir am nächsten Morgen den Platz „Am Bärenbache“ in Hohegeiß, den wir auch direkt nach dem Frühstück ansteuern. Ein kleiner Zwischenstop im Norma-Discounter bringt meine Jünsgten zu staunen. Von NVA Erbsensuppe bis zu russischen Konservenspezialitäten sind hier Produkte zu haben, die es in den Märkten der alten Bundesländer so nicht gibt. Für die Kinder wie eine andere Welt und erlebte Geschichte. Der JX-Motor blubbert sich weiter durch die Harzer Welt Richtung Bergdorf Hohegeiß. Der Blick zum Brocken und über die sattgrünen Almen stimmt innerlich glücklich. Hier oben scheint die Welt in Ordnung und endlich finden wir die lang ersehnte Ruhe. Das Örtchen liegt auf 640 Metern über Null und zum Campingplatz führt uns ein Weg mit 20% abschüssiger Neigung. Hoffentlich halten die Online erworbenen Billigbremsen. Sie tun es und bringen uns sicher zu unserem neuen Stellplatz. Wie an

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Ein echter Insider-Tip – Das Waldschwimmbad am Bärenbache

einem Weinberg stehen hier die Wohnmobile an Terassen aufgereiht inmitten der Harzer-Wildnis. Das 83 Jahre alte Waldschwimmbad des Ortes liegt direkt darunter und bietet neben seinem klaren, erfrischenden Wasser zu unserer Freude auch noch jede Menge Platz. Nur eine ältere Dame zieht ruhig ihre Runden, während wir tobend in das Badeparadies einfallen. Ein Platz zum Verlieben, vielleicht aber auch weil wir auf unserer Ebene mit dem Bulli völlig unter uns sind. Ideal zum Ballspiel, Seilhüpfen und chillen. Genau danach haben wir gesucht. Ein Spaziergang ins Dorf führt uns in die einzige Einkaufsmöglichkeit  im Ort. Ein Tante Emma Laden wie man ihn von früher kennt. Auf kleinstem Raum stapelt sich hier alles was der Bergbewohner oder sich verlaufende Tourist so brauch. Kurioses, Nützliches, Essbares und Einzigartiges. Ein Erlebnis auch für die Kinder, die so etwas uriges ja nicht mehr erleben durften.

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Uriges Überbleibsel – Tante Emma Laden in Hohegeiß

Vor dem Bulli spielen wir noch bis es dunkel wird mit einem Wasserball. So wenig kann überaus glücklich machen. Zum Abendessen machen wird  Hühnerfrikassee mit einer Scheibe Weißbrot serviert. Lecker, satt, zufrieden. Hier oben interessiert uns nicht was da unten passiert. Ein Moment der sich zum Einfrieren eignet.

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Schatzsuche in der Oder

Als Kind selbst viel im Harz unterwegs gewesen schlage ich vor zur Oder zu fahren. Ein Fluss der eine interessante Fracht seit Jahrhunderten in Richtung Tal befördert. Für uns schon damals ein Sammelobjekt geht es auf die Suche nach blauen Steinen. Der sogenannte Bodeachat, ist historische Schlacke aus den Harzer Eisenhütten, die meistens blau gefärbt ist und Fluidstrukturen aus dem Schmelzprozess aufweist, die an

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Blaue Steine als Belohnung für die kalten Füße

einen echten Achat erinnern. Dieser mittalalterliche Abfall löst in mir und in den Kindern immer wieder den Schatzsucherinstinkt aus. Nackten Fusses waten wir durch das kalte Flusswasser und werden auch bald fündig. Kleine Erinnerungen an eine zu Ende gehende Tour durch zwei Nationalparks. Ein schöne Erfahrung für uns als Familie was Zusammenhalt anbelangt, inmitten eines erneuten kleinen Abenteuers und fern vom Pauschalferientourismus.

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