Home » Auf der Straße » Wenn aus Flucht Kult-Urlaub wird – Vom Harzrand zum Hohen Hagen

Irgendwie schon ein Klassiker – Meine beiden Kinder und ich unterwegs im Bulli um der Welt da Draußen den Rücken zu kehren und endlich mal wieder Zeit für uns zu haben. Was vor drei Jahren auf den Tag genau als Flucht vor der bis dato größten familiären Tragodie begann ist mittlerweile zum Tour-Klassiker für uns Drei avanciert. Von der Oder bis nach Dransfeld – eine Schleife, die sich immer wieder gut anfühlt.

Der Bulli hat wieder Wasser gefunden!

Die Entscheidung in welcher Personenstärke wir fahren ist schnell gefällt. Vier Wochen vor dem Geburtstermin des dritten Kindes ist klar, das es nur im Trio und nicht zu weit enfernt sein kann. Da wir inzwischen relativ regelmäßig in den vergangenen Jahren eine handvoll „Kultplätze“ ansteuern ist klar wohin die Reise geht. Der Campingplatz „Oderbrücke“ und danach der“Am Hohen Hagen“ sollen unsere Ziele sein. Angeln am Fluss und toben im Freibad so unser Wunschgedanke. Die Wetteraussichten sind nach wochenlanger Dauerhitze eher mäßig. Regen satt und nächtliche Temperaturen um zehn Grad trüben meine Gedanken als ich den Bulli bepacke. „Komm, wir machen das Beste drauß!“, spreche ich mir selbst zu und bewundere die Kinder, die so gar nicht an das Wetter sondern nur an die Annehmlichkeiten denken, die uns bevorstehen. Bedrückend, wenn man bemerkt, dass man selbst so langsam zur Spezies „Glas-halb-leer“ gehört. Kilian ist begeistert, was unsere neue Dachbox von Atera alles so fasst und das im Zusammenspiel mit dem Hänger der Bulli relativ leer bleibt. Gut optimiert ist eben einfach besser gereist. Zur ersten Station müssen die Fahrräder mit, denn die Oder ist nicht nur prima Angelrevier sondern auch perfekt zum entlangradeln.

Durch hochsommerliche Landschaften direkt in den nächsten Wolkenbruch

Pünktlich gegen Mittag fahren wir los. Die Fahrt dauert nur kurz, ebenso wie die Platzsuche an der Oderbrücke. Direkt am Wasser unter einer wuchtigen Kiefer finden wir unser Quartier für diesen Tag und die folgende Nacht. Als wir uns auf unsere Drahtesel schwingen um eine vor Jahren flüchtig erblickte Furt des Flusses im Wald zu suchen, öffnet der Himmel seine Pforten und scheint in kürzester Zeit nachholen zu wollen was er seit Wochen versäumt hat. Pitschnass reden wir kurz über Rückkehr zum Camp entscheiden uns dann aber doch dafür weiterzufahren. Die Furt der Oder liegt inmitten des Hattorfer Waldes und lädt zum Steine- und Tierchensuchen ein. Unsere Wasserschuhe lassen zwar den Untergrund weicher erscheinen, können aber die Kälte des Harzer Stroms kaum abhalten. Mit roten Beinen klettern wir wieder auf das Fahrrad um durch einen weiteren Schauer den Weg zurück zum Bulli anzutreten. Erstmal aufwärmen. Wir

Schätze suchen mit Eisbeinen

kuscheln uns zu dritt unter unsere Decken im Inneraum des Vans und sind trotzdem guter Dinge. Schön den beiden mal wieder so nahe zu sein denke ich und trommele schon zum nächsten Event. Wir wollen uns nochmmal in der Kunst der Fischfangs üben und klettern erneut in die nasskalten Neoprenlatschen. Der Schmerz der Kälte ist schnell vergessen und durch den Jagsinstinkt verdrängt. Aus Mangel an Köderalternativen versuchen wir den Gummiwurm und erhalten von der Forellenwelt da Draußen nur lautlosen Spott in Form von vollkommener Bissverweigerung. Leider auch bei diesem Trip kein Wildfang. Wir beschliessen diesen Mißerfolg mit einer Currywurst und dem Halbfinalspiel „Belgien gegen England“ auf der Großbildleinwand des Campingplatz-Restaurants zu verdrängen. Und dennoch, auch diesmal hat es den beiden wieder sehr viel Spaß bereitet und sie sind dem inoffiziellen Zweck des Angelns,

Die Ruhe geniessen und mit der Spannung leben: Angeln eben

nämlich dem des „Natur geniessens bei fast vollständiger Ruhe“ wieder ein wenig näher gekommen. Die Nacht wird unruhig, da der Himmel sich erneut auftut und die Regentropfen unter der Kiefer noch lauter auf das Autodach zu prasseln scheinen. Die zehn Grad Außentemperatur merken wir in unserem Nest kaum. So nah beieinander kann einem nicht so schnell kalt werden und die abendlichen Blödel-Geschichten werden noch durch eine Prise intensiver Kitzelattacken gekrönt. Ich liebe es einfach Vater zu sein. Der nächste Morgen beginnt so trüb wie der Vortag. Ein schnelles Frühstück und wir machen uns auf zur zweiten Station mit der Hoffnung auf mehr Sonnenstunden.

Die Fahrräder schnell wieder nach Haus gebracht erwartet uns auf

Gut für regengeplagte Seelen: Piraten-Burger

unserem Stamm-Campingplatz in Dransfeld eine weite leere Fläche auf der wir uns ordentlich ausbreiten können. Bines Kurzbesuche bringen ein wenig Abwechslung beim Warten auf besseres Wetter. Zum Glück haben wir genug

Spiele dabei um die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken. Heute haben wir uns in „Frank`s Piraterie“ einen Tisch reservieren lassen. Der Koch, der schon auf RTL zum Kult wurde, darf uns heute mal mit seinen ganz speziellen Freibeuter-Leckereien erfreuen. Die saftigen Burger und der sündige, karibische Nachtisch schmecken wieder einmal genial. Völlig gesättigt erklimmen wir den Stellplatz unseres Bullis und bewegen uns unter

Public Viewing war gestern

aufklarendem Himmel Richtung Nachtlager. Viki zieht es auf halber Strecke dann doch noch zum Spielplatz. Kilian und ich beschliessen noch die letzten Minuten des WM-Halbfinal-Spiels auf dem Handy zu verfolgen. Viel gemütlicher als in der Kneipe stellen wir fest. Nachdem wir bei Einbruch der Dunkelheit alle wieder zusammengefunden haben kehrt langsam Ruhe ein und es folgen Erzählungen wie es damals hier oben an gleicher Stelle so war. Schön, dass die Kinder nur das Gute von damals nach Vorne kramen.

Der Mittvierziger von heute braucht keinen Wecker, denn er hat ja seine schwächelnde Blase, die ihn wie ein gnadenloses Uhrwerk aus dem morgendlichen Bett treibt. Ich nutze den natürlichen Move, um gleich die Brötchen aus dem Shop zu holen

Morgens kocht der Alte selbst und zwar Englisch!

und gönne mir einen Milchkaffee, den ich vor dem Bus in aller Seelenruhe geniesse. Diese Ruhe pusht meine gute Laune mächtig nach Vorne. Das Frühstückstisch-Eindecken wird von mir mit alten Songs aus Musikerzeiten stimmlich begeleitet und verfehlt weder seine weckende Wirkung bei den Kindern noch den erheiternden Effekt bei unserem neuen Nachbarn. Das ganz in schwarzes Nieten-Leder gehüllte, pferdeschwanztragende Abbild von einem Mann, sitzt vor seiner chromglänzenden, importierten Maschine und kann sich ein Lächeln unter dem Zigarillo nicht verkneifen. Nur wenige Sekunden dauert diese Emotionsschwankung an bevor die Coolness erneut Einzug hält und der Rocker wieder regungslos in den Lonesome-Rider-Modus verfällt. Jeder sucht eben auf seine Art und Weise nach Freiheit uns seien wir mal ehrlich: Solche Geschichten sind doch einfach wundervoll. Gemeinsam frühstücken ist das Grösste,

Ein heisses Eisen im Feuer kann nicht schaden

stelle ich immer wieder fest. Das Spiegelei-Nürnberger-Gesicht als Ausdruck meiner Freude ist schnell vernichtet und dann

endlich kommt auch das gewünschte Wetter. Wir finden uns ziemlich rasch im Freibad ein und geniessen die Zeit ungemein. Als am Abend der Hunger Einzug hält möchte ich mein neues Gadget ausprobieren. Das Sandwicheisen von Heldbergs.com soll die nötige Abwechslung vom Grillen bescheren. Die Feuertonne kinstert als ich das erste Brot im Innern des Eisens in der Glut versenke. Das Ergebnis lässt sich sehen und auch essen. „Irgendwie cool das Teil“, kommentieren die Kids und lassen es sich schmecken. Noch eine Runde Stadt, Land, Fluss, dann endet auch schon wieder dieser Tag am Hohen Hagen.
Am nächsten Morgen fällt mir bei den Nachbarn aus Dänemark der Vogelkäfig im Vorzelt auf. Schon kurios was die Meschen so alles mit auf Reisen nehmen. Von Katzen hatte ich gehört von Wellensittichen nicht. Bei längerem beobachten des Paares aus Nordeuropa scheint der Käfig Fernseh-Ersatz zu sein. Beruhigender als so manch Format auf RTL allemal.

Genuss pur: Morgendliches Herumlümmeln im Bulli

Ich nutze erneut den Morgen für eine kleine Ruhe- und Denkpause. Soviel Zeit muss sein. Auch die Sonne beginnt ihren Tag und treibt die Kinder bei steigenden Temperaturen ebenfalls aus dem Wagen. Kilian scheint einen Hänger zu haben und möchte lieber weiter am Bus bleiben und ruhen. Viki und ich stürmen zum Abschluss nochmal das Freibad um dann um drei Uhr leider schon wieder den Heimweg anzutreten.
Es war eine Art Revival-Wochenende und für mich mit relativ viel Emotionen gespickt.  Eine so intensive Zeit mit den Kids füllt meine „Vater-Tanks“ randvoll auf und schreit auch im nächsten Jahr nach Wiederholung. Schnell gemacht und lang anhaltend, so kann nur eine Bulli-Tour um die Ecke sein. Das Leben ist schön.

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