Unruhige Dernière trotz perfekter Ausleuchtung – Eine letzte Nacht in der Goldenen Mark

„Schatz, ich glaube heute mach ich’s!“. Diesen Satz hört sich meine Frau so oder so ähnlich schon seit Jahren an. Nein, es geht nicht um die Reparatur der Schranktür, sondern um den Wunsch allein mit dem Van eine Nacht in der Natur zu verbringen. Irgendwie hat sich nie das richtige Plätzchen ergeben und wenn dann mal eines in die nähere Auswahl kam, dann lag es inmitten eines Naturschutzgebiets. Also, gar nicht so einfach mit dem Freistehen wie ich finde.

Hoch zum Höherberg! Sieht ja erstmal recht einsam aus…

Doch die gute Wettervorhersage und der baldige Winterschlaf von Bruno lassen mir keine andere Möglichkeit. Es muss heute sein. Die letzte Nacht im Bulli bevor der kalte Vorhang fällt. Mir fällt nur ein Spot in der Nähe meines Heimatdorfes ein. Auf dem Höherberg kann man, wenn auch nicht ganz so versteckt wie man das gerne möchte, stehen und hat einen wunderbaren Blick auf das Eichsfelder Becken. Dieser Notnagel könnte so mitten in der Woche und bei 16 Grad nach Sonnenuntergang meinem Wunsch entsprechen. Ich will es versuchen, um mich und meine Frau von diesem elendigen Satz zu erlösen. Schnell ein paar Brötchen geschmiert, das Bettzeugs in den Bus geschmissen und ein paar kühle Getränke in den Electrolux-Cooler gelegt. Es ist schon 17:30 Uhr als ich Bovenden verlasse und die Sonne wird in einer Stunde das

Der Mond löst die Herbstsonne ab. Ein Farbenspiel im Minutentakt.

Firmament verlassen haben. Nicht viel Zeit für mich und Bruno. Irgendwie erinnert mich die Szene an den Vampirfilm Blade, in dem die Sonne in Zeitraffer versinkt und sich die Kinder der Nacht auf zu unschönen Taten machen. Aber auf gruseln habe ich jetzt keine Lust. Das kommt so ganz allein nicht wirklich gut. Zudem ist der Höherberg auch alles andere als ein Ort dder dunklen Seite. Hier befindet sich seit 1856 die Wallfahrtskapelle zu den Vierzehn Heiligen Nothelfern. Zu dieser Kapelle führt von Wollbrandshausen und Bodensee jeweils ein Kreuzweg mit 14 Stationen. Als evangelisches Kind, dass im Eichsfeld sozialisiert wurde, war mir die Prozession zur Wallfahrt immer einer wenig suspekt.

Station des Kreuzwegs, die nie eine Station meiner Kindheit war.

Aber nur weil die Kinder in meinem Alter damals so selbstverständlich damit umgingen und ich völlig unwissend war, was dort eigentlich passierte. Das lag wohl daran, dass wir anfangs nur zwei evangelische Kinder an der Grundschule waren, und zu solchen Feierlichkeiten einfach freigestellt wurden. Auch Religionsunterricht gab es vorerst für uns nicht und so mussten wir uns im Flur tummeln, während die anderen mit einer Ordensschwester oder dem Dorf-Pfarrer über Gott plauderten. Für die Schule passten wir „Reformationskinder“ wohl nicht zu dieser Lehrstunde und so fühlte man sich im Alter von sechs Jahren schon ein wenig ausgegrenzt. Gut, dass sich die Zeiten geändert haben und ich mittlerweile weiß, dass diese vierzehn Sationen den Weg Jesu von der Verurteilung bis zur Grablegung darstellen. Kulturell durchaus interessant wie ich finde und sehenswert, zumal die Gesichte ja auch den Lutheranern nicht unbekannt ist.
Der Glaube an einen schönen Abend dort oben, lässt Bruno

Ich bin wieder hier, in meinem Revier!

und mich die 242 m ü. NHN schnell erklimmen. Wir werden reichlich belohnt. Der Blick über die „Goldene Mark“, wie die fruchtbare Landschaft hier im Untereichsfeld genannt wurde ist bei der Weitsicht beeindruckend. Das Licht der sinkenden Herbstsonne überzieht alles in einem Goldton. Unglaublich schön. Umringt von den Dörfern Wollbrandshausen, Gieboldehausen, Bilshausen und Bodensee fühle ich mich im Herzen meiner Heimat und geniesse das Spektakel der untergehenden Sonne ganz besonders. Nur das Summen einer Drohne am Himmel nimmt mir ein wenig die Entspanntheit. Aber dieser Anblick sei auch jenen gegönnt, die nur durch das Auge eines Quadrocopters schauen um solche Momente zu erleben. Um Punkt 18:00 Uhr wird mir umso mehr bewusst, dass ich mich in einem Landstrich befinde in dem die

Beruhigender Blick aus der Bustür…

Zahl der regelmäßigen Kirchgänger über dem Bundesdurchschnitt liegt. Die Kapelle nebenan macht es vor und die Kirchen in den Dörfern da unten ziehen nach. Glocken läuten also meine erste freistehende Nacht allein im Bulli ein. Die Sonne macht sich schnell davon, als wenn die Klänge ihr ein Signal gegeben hätten. Ich parke mit Bruno hinter einer Hecke und versuche

mich soweit wie möglich aus der Sicht von vorbeifahrenden Autos herauszuziehen. Ein Bierchen zu den Stullen und der starre Blick auf die angrenzenden Höhenzüge lassen mich wirklich runterkommen. Das ist genau das was ich mir erhofft hatte. Der klare Himmel macht es einfach die Sternenbilder auszumachen und den wenigen Flugzeugen zu folgen. Mein Gehirn versucht Zuggerräusche auszumachen, weil es diese aus Bovenden gewohnt ist, wird aber zum Glück nicht fündig. Schön diese Ruhe, wenn da nicht die Windräder wären. Das aufkommende Lüftchen lässt die zwölf rotblinkenden Riesen wie Flugzeuge am Himmel klingen.

Teilweise erinnert das Geräusch auch an einen pulsierenden Tinnitus, den ich neben meinen schon vorhandenen wahrlich nicht mehr gebrauchen kann. So schön wie das mit der Umstellung auf Windkraft auch sein mag, an den allermeisten Stellen rauben diese Ungetüme mit Ihrer Anwesenheit und ihrer Frequenzbelegung die Seele des Ortes an dem sie stehen.
Aber ich will mich nicht von den guten Gedanken trennen und bin kurzeitig zurück im Jahr 2007, als einer meiner

Auch ein schöner großer Wagen…

besten Freunde hier in der Kapelle seiner Frau das Jawort gab, und ich als Trauzeuge diesem besonderen Tag beiwohnen durfte. Noch weiter davor sehe ich uns als Jugendliche hier oben Feuer machen und abgelaufenes Göttinger Edel-Pils trinken. Auch der Ausflug in einem Lieferwagen den ein Kumpel seinem Vater entwendet hatte und hier oben unsanft im Graben endete, lässt mich schmunzelnd durch die Nacht sinnieren. Der Wind scheint stärker zu werden und die Müdigkeit die mich durchfährt tut das auch. Wer Kinder hat ist eines immer und ganz Gewiss: müde! Ich bin schnell eingeschlafen und werde gegen kurz vor zwei durch Gelächter in unmittelbarer Nähe geweckt. Ein Blick hinter die Gardine zeigt ein Auto mit Jugendlichen die sich in meine Richtung bewegen. Ein schneller Sprung aus meiner Tür, lässt die Truppe zurückweichen und den Platz verlassen. Ich vergaß, es sind Ferien und es ist Pandemie. Diese Altersgruppe hat zur Zeit wenig Möglichkeiten sich zu amüsieren, aber mein Auto muss es dann ja auch nicht sein. Ich versuche

wieder zur Ruhe zu kommen, bin aber irgendwie in Habacht-Modus. Inzwischen hat sich ein richtiger Sturm aufgetan und lässt den wenig windschnittigen Bus ordentlich mitschaukeln. Ich brauche eine Weile zurück ins Traumland, bis ich dann um kurz nach Fünf von meinem Wecker erneut aus dem Schlaf gerissen werde. Immer noch stockdunkel, sternenklar und endlich windstill harre ich noch einen Moment unter der Bettdecke aus. Die ersten Berufspendler überqueren

Der nächste Morgen und der erste Blick auf das mobile Endgerät kommen oft schneller als man denkt…

den Berg und einer meint als er die reflektierenden Rücklichter von Bruno im Augenwinkel sieht ein Hupkonzert veranstalten zu müssen. Vielleicht glaubte dieser Spaßvogel ein Liebespärchen stören zu können. Mir jedefalls nimmt er die morgendliche Laune, denn Ruhe und Einsamkeit sieht wirklich anders aus. Um Punkt Sechs erklingt auch wieder die Glocke der Kapelle. Als wenn sie sagen wollte: „So mein Junge, deine zwölf Stunden Aufenthalt sind um! Mach Dich auf nach Hause!“. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und begebe mich mit Bruno auf den Heimweg.
Alles in allem hatte der Versuch diesen Wunsch zu erfüllen durchaus seine Momente, aber wenn ich ehrlich bin hat mir die Nestwärme meiner Familie gefehlt. Auch das Verhalten der Menschen in dieser Nacht war dem Ganzen sehr abträglich. Der Wunsch bleibt also in einer gewissen Art und Weise bestehen. Vielleicht unerfüllt, zumindest in diesem Land, denn seien wir mal ehrlich, die vielen Verbote, die dichte Besiedelung und die Rücksichtslosigkeit Einiger machen es doch sehr schwer einmal frei, ruhig und wild zu stehen. Aber hey, Glaube kann Berge versetzen und: „Du, Schatz! Ich glaub ich mach das nochmal in besser!“

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